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Mary und Jodie in Teilland (Uraufführung)
Das siamesische Zwillingspaar Mary und Jodie sorgte im Herbst 2000 für Aufsehen. Aneinander gewachsen waren sie gemeinsam nicht lebensfähig. Indem die eine geopfert wurde, konnte durch chirurgische Trennung das Leben der anderen gerettet werden. Es entbrannte eine heftige Ethikdebatte um die Frage nach dem Wert und der Bewertung menschlichen Lebens, mit der dramatischen Gewissheit für die Urteilenden, in jedem Fall handelnd oder nicht handelnd schuldig zu werden.
Um dieses Paradox dreht sich die Produktion von Anja Gronau und Marcel Luxinger, in deren Mittelpunkt Jodie (Eva Löbau) und Mary (Julia Littmann) stehen, allerdings nicht als hilflose Neugeborene, sondern als Erwachsene, fähig zur Reflektion. Sie sind intellektuell unmittelbar ihrer organischen Problematik ausgesetzt und der gesellschaftlichen Bedeutung ihres Lebensdilemmas bewusst. Die Zuschauer identifizieren sich in der Figur X (Martina Schiesser), denn jene verkörpert die außenstehenden Personen, die in diese Diskussion verwickelt sind, von der Mutter bis zum obersten Richter des Landes.
Was ist zu tun, wenn Leben erhalten Leben nehmen bedeutet? Wie verhält sich dazu eine Gesellschaft, zu deren rechtlichen und moralischen Grundsätzen es gehört, Tötung unter Strafe zu stellen, und deren gleichzeitige Verpflichtung es ist, Leben zu erhalten? Eine Gesellschaft, deren Achtung vor dem Leben ohnehin viel zu häufig in Frage gestellt wird. Wie würden sich dazu die Zwillinge verhalten, wenn sie sich äußern könnten? Handelt es sich bei ihnen vielleicht gar nicht um zwei Menschen, sondern lediglich um eine Kreatur, geschaffen für das medizinische Experiment, geboren, um zu sterben?
Im Moral-Chaos, in dem Ärzte gegen Eltern vor Gericht ziehen, um "Opferungschirurgie" vornehmen zu können und sich Kirche und ProLife-Organisationen mit Richtern um Zuständigkeitsbereiche streiten, lassen wir das Zwillingspaar diese brennenden Fragen am eigenen Leib erfahren. Darüber hinaus versuchen wir zu verstehen, was unteilbare, absolute Nähe für die Betroffenen bedeutet, wie sie damit umgehen können, sowie dem wachsenden Bewusstsein, daß sie nicht der Norm entsprechen. Die Zwillinge müssen sich selbst mit der Entscheidung für oder gegen eine Trennung auseinandersetzen. Und dann stellt sich uns die Frage, ob Mary und Jodie unsere fiktiven und auch metaphorischen Bühnenfiguren, der medizinische Un-Fall vielleicht aufgrund ihrer Verbundenheit ein Geheimnis besitzen, das allen anderen Menschen unbekannt ist, und ihnen einen Ausweg aus dem Dilemma bietet? Vielleicht ist das Leben von siamesischen Zwillingen lebenswerter als jedes andere?
Wir machen uns auf die Suche nach Antworten und unsere Fantasie zu Forschern.
Anja Gronau hat in Hamburg verschiedene Stoffe inszeniert: Projektion nach T.i.d.N. (nach Brecht); Käthe (nach Kleist); at: disposition 666L [eben] (nach Bruckner, Sartre und Dostojewskij); Nach Die Rassen (nach Bruckner); Faust V. 12111 (nach Goethe).
Marcel Luxinger hat verschiedene Stoffe in Hamburg, Zürich und Dresden bearbeitet: Etwas ist faul (nach Shakespeare und Blyton); Seven masked Rooms according to Poe; Elementarteilchen (nach Houellebecq); Bondage: Agent entfesselt; Faust V. 12111 (nach Goethe); Versaut (nach Darrieussecq, Solanas und de Sade).
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